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24. Oktober 2009

Arend Lijphart

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Arend Lijphart wurde am 17. August 1936 im niederländischen Apeldoorn geboren und wuchs im ländlichen, peripheren Raum auf. Zur prägenden Erfahrung des jungen Lijphart wurde die deutsche Besatzung im 2. Weltkrieg:

World War II was an experience of enormous importance in my formative years. Although I was only about four years old when the war started and only nine years old when it ended, I remember it very well indeed. In fact, the beginning of the war is the first vivid memory of my childhood. I remember the war - although many wars have occurred since then, to me World War II will always remain ‘the’ war - mainly as a painfully long period of great fear and insecurity.” (Lijphart, Arend: About Peripheries, Centres and Other Autobiographical Reflections, S. 242)

Lijpharts Vater war aktiv in der Kommunalpolitik tätig, seine Mutter war Theologin und wurde in Paramaribo in der damaligen niederländischen Kolonie Surinam geboren und verbrachte die Zeit vor ihrer Heirat u. a. in Zürich, Gent und auf Java. Sie war es auch, die ihren Sohn ermutigte, nach dem Erwerb der allgemeinen Hochschulreife in die Vereinigten Staaten zu gehen, um dort zu studieren. Zunächst war nur ein einjähriger Aufenthalt geplant, dem sein Militärdienst und die Fortsetzung seines Studiums in der Heimat folgen sollten. Ab 1955 besuchte Lijphart das Principa College und studierte dort „Internationale Beziehungen“. Bereits nach einem Jahr ließ er seine Pläne für die Heimkehr fallen; hielt er es doch für sinnvoller, seine Studien in den USA zu beenden. Das Principa College war damals klein, relativ unbekannt und stark christlich-konservativ geprägt. Der Anfang der 1950er Jahre in der Politikwissenschaft aufkommende Behaviouralismus hatte bis 1958, als Lijphart das College mit einem Bachelor-Abschluß verließ, dort noch keinen Einzug gehalten. Um so größer war Lijpharts Wunsch, an einer etablierten Universität weiterzustudieren. So zog es ihn nach Yale, deren Political Science Department zwar noch nicht zu den renommiertesten in den Vereinigten Staaten gehörte, aber damals der Mittelpunkt der behaviouristischen Forschungsrichtung war. Während seines Aufenthaltes in Yale (1958-60) setzte sich Lijphart das erste Mal intensiv mit empirischen Methoden auseinander. Zu den Dozenten, die ihn am meisten beeinflußten zählten Gabriel A. Almond, der zu diesem Zeitpunkt gerade an The Civic Culture arbeitete, und Karl W. Deutsch. Auch die weiteren Bekanntschaften Lijpharts aus dieser Zeit lesen sich wie ein Who-is-Who der amerikanischen Politikwissenschaft der 1960er und 1970er Jahre. So begegnete er in Yale auch Robert A. Dahl - obschon ein intensiver Kontakt mit ihm erst ein paar Jahre später zustande kam - und arbeitete mit Sidney Verba, damals an der Stanford University, und Seymour Martin Lipset (Harvard University) zusammen. Nachdem Lijphart 1959 den Master-Grad erworben hatte, wählte er sein Promotionsthema bewußt so, daß ihn seine Recherchen (1960-1961) nach fünf Jahren in den USA zurück in seine niederländische Heimat führten. Die leicht überarbeitete und 1966 als The Trauma of Decolonization. The Dutch and West New Guinea veröffentlichte Dissertation widmete sich der letzten Kolonie der Niederlande. Damals ein hochaktuelles Thema, befanden sich doch die Niederlande und Indonesien an der Grenze zu einem größeren bewaffneten Konflikt, bevor sich erstere nach Intervention der USA zurückzogen. An der Verschriftlichung seiner Dissertation arbeitete Lijphart, während er bereits am Elmira College in New York (1961-63) unterrichtete. 1963 wurde Lijphart wissenschaftlicher Assistent an der University of California in Berkeley. Der politikwissenschaftliche Fachbereich von Berkeley war Anfang der 1960er Jahre zu einem der renommiertesten in den USA aufgestiegen. Lijphart sollte fünf Jahre in Kalifornien forschen und lehren. Seine Zeit in Berkeley ist vor allem deshalb von besonderer Bedeutung, da aus ihr die Zusammenarbeit mit Hans Daalder, Robert A. Dahl, Val R. Lorwin und Stein Rokkan, dem Leitern des Smaller European Democracies Project, herrührt. Die Arbeitsgruppe forschte 1966-67 am Center for Advanced Studies in Behavioral Science im nur eine Autostunde von Berkeley entfernten Stanford. Ab 1968 arbeitete Lijphart an der Universität von Leiden. Eine Rückkehr in die Niederlande bedeutete für Lijphart auch eine Rückkehr nach Europa, so daß er sich in den Folgejahren stark in dem von Stein Rokkan und Jean Blondel geleiteten European Consortium for Political Research (ECPR) engagierte. Das Konsortium ermöglichte erstmals eine organisierte Zusammenarbeit von europäischen Politikwissenschaftlern. Zwischen 1971 und 1975 war Lijphart zudem Herausgeber der Fachzeitschrift des ECPR, des European Journal of Political Research (EJPR). Die Zeit in Leiden endete für Lijphart allerdings eher frustrierend. Unter dem Begriff der „Demokratisierung“ hatten in den 1970er Jahren auch die niederländischen Studenten ein Mitspracherecht in den Gremien ihrer Universitäten eingefordert, allerdings mit paradoxen Folgen, die für Lijphart nicht hinnehmbar waren:

Die Beschlußfassung in den Universitäten gehört in die Hände des qualifizierten wissenschaftlichen Personals, aber nach der ‚Demokratisierung’ war dieses selbst in den Spitzengremien der Universitäten eine Minderheit geworden. Studenten und nicht-wissenschaftliches Personal formten die Mehrheit. Die Folge der ‚Demokratisierung’ war die Politisierung der niederländischen Universitäten. Das fand ich vor allem für die Politikwissenschaft gefährlich, die meiner Meinung nach, politisch streng neutral zu sein hat.“ (Van der Hoeven, Rutger: Hersenvlucht. In: De Groene Amsterdammer vom 03.03.1999. Übersetzung: Robert Schulz).

So führte Lijpharts Weg ihn zurück nach Kalifornien, diesmal allerdings an die Universität von San Diego (UCSD), damals eine sehr junge Universität, keine zwanzig Jahre alt. Trotzdem schloß sie schnell zur Spitzengruppe der amerikanischenUniversitäten auf. Ihr sollte Lijphart bis zu seiner Emeritierung im Jahr 2001 treu bleiben und hier einige seiner wichtigsten Studien verfassen.
In der Beurteilung der Leistungen Arend Lijpharts und der Wirkung seiner Werke auf die Wissenschaft herrscht weitestgehend Einklang: Er zählt, neben Robert Dahl und Giovanni Sartori, zu den bedeutendsten Demokratietheoretikern unserer Zeit (Manfred G. Schmidt), den „führenden Komparatisten der amerikanischen Politikwissenschaft“ (Gerhard Lehmbruch), zu den einflußreichsten Politologen (David Wilsford) und ist schlichtweg “World’s leading theorist of democracy in sharply divided societies”(Peter Gourevitch, Gary Jacobsen) .
Zwischen 1961 und 2002 veröffentlichte Arend Lijphart mehr als 200 Aufsätze, Artikel und Monographien. Während er sich in den Anfangsjahren seiner akademischen Karriere zunächst vor allem mit Themen der Internationalen Politik auseinandersetzte, widmete er sich später der Untersuchung von Methoden und Methodenproblemen, Koalitionen und Parteiensystemen, aber insbesondere mit den empirischen und normativen Aspekten der Konsens- und Konkordanzdemokratie und Wahlen und Wahlsystemen. Seine wichtigsten Werke sind The Trauma of Decolonization. The Dutch and West New Guinea (1966), The Politics of Accommodation: Pluralism and Democracy in the Netherlands (1968), Democracy in Plural Societies. A Comparative Exploration (1977), Democracies. Patterns of Majoritarian and Consensus Government in Twenty-One Countries (1984), Electoral Systems and Party Systems. A Study of Twenty-Seven Democracies 1945-1990 (1994), Patterns of Democracy. Government Forms and Performance in Thirty-Six Countries (1999).
Am 8.2.2001, dem 426. Gründungstag der Universität Leiden, wurde Lijphart „für seine besonderen wissenschaftlichen Verdienste“ die Ehrendoktorwürde verliehen. 1995 war er Präsident der American Political Science Association.

Literaturhinweise

  • Crepaz, Markus M. L.; Koelble, Thomas A.; Wilsworth, David (Hrsg.): Democracy and Institutions. The Life Work of Arend Lijphart, Michigan 2000.
  • Gourevitch, Peter; Jacobsen, Gary: Arend Lijphart. A Profile. In: PS: Political Science & Politics 28 (1995), 4, S. 751-753.
  • Lijphart, Arend: About Peripheries, Centres and Other Autobiographical Reflections. In: Daalder, Hans (Hrsg.): Comparative European Politics. The Story of a Profession, London 1997, S. 241-252.
  • Schulz, Robert: Neuere Ansätze zur Typologisierung demokratischer Systeme, Magisterarbeit, Rostock 2003.

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